Jacques-Yves Cousteau

Muss irgendwann mal auf ARTE gewesen sein, dieser irre Film über
Jacques Cousteau. Den Namen kannte ich natürlich immer schon, und so
ungefähr wusste ich auch seine Branche, das Unterwasser. Doch erst
besagter Film machte mir ansatzweise klar, welch ein genialer
Bahnbrecher der sehnige Senior gewesen war.

Unzählige Rekorde, Erfindungen und Grenzüberschreitungen, die das
gigantische Gebiet der Ozeanologie neu definierten – Geist, Mut und
Moral, verbunden mit einem grandiosen Sinn für Ästhetik und der Gabe,
durch realfantastische Filme zahllose Menschen zu inspirieren. Voilà
un homme!

Gegen Ende dieser Dokumentation wurde Cousteau in die Académie
française eingeführt. Und seltsam: Als dem Greis auf der Zeremonie mit
heiligem Ernst ein grotesker Kristallsäbel überreicht wurde, wirkte
dies einfach – angemessen.

Die Nachhaltigkeit dieses Eindrucks auf mich war so, dass mir im
Vorlauf des nächsten Weihnachtsfestes ganz natürlich in den Sinn kam,
meinen Kindern den bezaubernden Blick durch das Fenster, das Cousteau
geöffnet hatte, zu bescheren und die 3er DVD Box “Jacques-Yves
Cousteau – seine großen Kinofilme” online zu bestellen.

Fast wäre die Überraschung einige Tage vor Weihnachten verdorben
worden, denn das Kommen eines Boten und die Übergabe eines Päckchens
wurde von den Kindern durchaus registriert und hinterfragt: “Was ist
da drin?” Mit erwachsenem Getue und Unkonzentriertheit vorgebend
zerstreute ich jedoch das kurzzeitige Interesse, und es gelang, die
Sendung in einen Haufen Büroscheiß auf meinem Schreibtisch zu stecken.

Erst in der Nacht zu Heiligabend hätte ich dann das Päckchen öffnen
und den Inhalt in Geschenkpapier einpacken wollen. Ich weiß nicht
mehr, warum ich es früher öffnete. Jedenfalls wurde so ausreichend
früh klar, dass das epochale Naturfilmmaterial, das ich bestellt
hatte, mit “Godzilla gegen Mechagodzilla” (Toho 1974, Regie: Jun
Fukuda) vertauscht worden war. Es war also noch Zeit genug, um zu
reklamieren und abzuwenden, dass diese crazy DVD mit dem Untertitel
“Ein farbenprächtiger Taumel der Vernichtung” unterm Tannenbaum
gefunden werden und junge Seelen verstören konnte.

Der Umtausch gelang rechtzeitig. Nach der typischen Hektik im Vorfeld
wurde unser Fest dann tatsächlich ein wunderschöner, heiliger Abend.
Gegen 22 Uhr drängte ich darauf, doch einmal einen Cousteau-Film
einzulegen, am besten “Die schweigende Welt”, seinen ersten von 1956.
Die Familie spürte meine Vorfreude und ließ sich anstecken.

Die blauen Unterwassersequenzen entfalteten ihre hypnotisierende
Wirkung. Lange Tauchkamerafahrten zogen uns immer tiefer in den Bann
unbeschreiblicher Welten, skurrile Lebewesen huschten zu
wohlkomponierter Musik durch unser Bewusstsein, ein meditatives
Zerfließen setzte ein, wir waren im Begriff zu einer homöopathischen
Lösung in den ozeanischen Ewigkeiten des liquiden Raumes zu werden,
als das schnarrende Organ eines Wochenschausprechers uns belehrte:

“Wir befinden uns in fünfzig Meter Tiefe. Tiefer kann man nicht
tauchen. Wer es dennoch tut, riskiert, im Tiefenrausch alle
lebensnotwendigen Vorsichtsmaßnahmen für unwichtig zu halten – so wie
dieser Kollege.”

Bestürzt wurden wir Zeuge, wie einer der beiden Taucher da im
Fernsehen seltsam wurde, herumzappelte und Anstalten machte, sein
Mundstück abzunehmen. Sein Partner steckte ihm das Atemgerät wieder in
den Mund und schickte ihn mit einem Fingerzeichen nach oben, überließ
den Patienten also sich selbst und widmete sich anschließend
unbegreiflicherweise wieder irgendeinem botanischen Quatsch unter
einem Stein.

Unser Ältester fand als erster Worte: “Sind die bescheuert?” Meine
Frau brachte den Kleinen ins Bett. Ich erklärte den Verbleibenden,
dass man genau an solchen Szenen wunderbar das Pionierhafte an
Cousteaus Schaffen erkennen kann; damals war eben alles Neuland, also
dort, unter Wasser …

Die kommenden Sequenzen gaben mir Recht. Cousteaus Leute untersuchten
jetzt ein Korallenriff, weshalb sie ein Loch in die Struktur schlugen,
Dynamit hineinsteckten und eine schwere Explosion auslösten. Nun
kommentierte auch der jüngere Bruder: “Das ist doch verboten!”, worauf
ihm der Ältere erklärte: “Das sind einfach Vollspinner!” und in einem
Comic zu lesen begann.

Ich versuchte, unser Wohlwollen dem Film gegenüber zu beschwören, und
gab zu bedenken: “Leute, ihr dürft natürlich nicht vergessen: Dieser
Film ist siebzig Jahre alt! Es ist einfach klar, dass …” Ich wurde
unterbrochen: “Sechzig Jahre!”

Nun umspielten ein paar Pottwale Cousteaus Schiff, die “Calypso”.
Sofort behauptete der Sprecher, dass die Wale in einigen der Matrosen,
Fischer in 12. Generation, einen unbezwingbaren Jagdtrieb entfachten,
woraufhin einer der Männer sich mit Harpune vorne auf den Bugspriet
stellte und tatsächlich zielte und warf. Empörung drohte jetzt auch
auf mich überzugreifen, als die Stimme so jovial wie möglich
entwarnte: “Die dicke Haut des Säugetieres bleibt unversehrt!”

Na also! Leider ging es weiter: “Dennoch schreit das Weibchen um
Hilfe.” Auf einmal zehn, zwanzig, fünfzig Pottwale im Bild, die
solidarischen Wesen sind da, wenn man sie braucht. Unglaubliche
Bilder. Dann fährt die Calypso über ein Waljunges, es wird
aufgeschlitzt, riesige Blutwolken werden von einem Unterwasserauge aus
gefilmt. Die Crew an Bord und die Zuschauer sind schockiert. Der Film
hat wieder alle Aufmerksamkeit, einer von uns ruft: “Papa, was MACHEN
die denn da?!”

Das Blut hat jetzt einige Haie angezogen. Der emotional blockierte
Sprecher schwadroniert: “Haie: Jeder Seemann hasst sie!” Auf dem
Bildschirm greifen mehrere Matrosen zu Harpunen. Es gibt ein
großes Gemetzel. Ich sehe den Film alleine zu Ende, die Jungs spielen
lieber, denn: “Sowas guck ich mir nicht an!”

Apathisch lasse ich den Bonusfilm ablaufen, es ist eine filmische
Würdigung des Lebenswerks von Jacques-Yves Cousteau. Langsam begreife
ich, dass das der Film sein muss, den ich damals mal auf ARTE gesehen
hatte. Er hat ihn selbst gedreht.

6 Kommentare

Grandios! Ich erinnere mich daran, diesen seltsamen Naturwunder-Film vor etwa 30 Jahren als Teens mit Kai K. in Rh. gesehen zu haben. Selbst wir fanden den Film völlig gaga, als die mit Dynamit am Korallenriff rumzumachen begannen um die Wunder der See zu erkunden und überall tote Fische mit zerplatzten Schwimmblasen rumschwammen. Damals hatte Kais´s Vater darauf bestanden in der Videothek neben “Gesichter des Todes” , den wir unbedingt sehen wollten, auch noch etwas gehaltvolles auszuleihen. …

by v. on 4. Januar 2015 at 16:11. #

Vielen Dank! “Gesichter des Todes” … uaaah! Hab ich bis heute nicht gesehen.

by Bernolf on 4. Januar 2015 at 19:46. #

“Gesichter des Todes”, “Ein Zombie hing am Glockenseil” etc waren damals ja legendäre Kinder- und Erwachsenenschrecke. Heute kann man Ersteren auf youtube betrachten ohne Einlasskontrolle. Genau wie die legendäre Doku ‘Mama Papa Zombie – Horror für den Hausgebrauch’ vom ZDF von damals. Ob das alles heutzutage noch jemanden interessiert?

by mtk on 5. Januar 2015 at 11:07. #

… Jacques-Yves rotiert im Seegrab …

by Bernolf on 5. Januar 2015 at 13:24. #

klingt so, als wäre Bill Murray in Wes Andersons “Tiefseetaucher” nur halb so durchgeknallt wie das Original…

by Wolfgang on 19. September 2016 at 20:58. #

Wie schön: Endlich kann ich Dir auch einmal einen Film ausleihen!

by Bernolf on 19. September 2016 at 21:22. #

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Sieht keiner außer mir.

Kann.