Pete Townshend: Who does he think he is

Pete Townshend’s Autobiografie “Who I Am”: Der Kopf der britischen Überband The Who ist erstaunlich klar

The Who: Däng, Rumms, Kräsch, Fiiiep, Yeah. Und: ganz schön lange her. Nun hat Pete Townshend, Gitarre, seine Memoiren geschrieben, der Verfasser der Zeile “I hope I die before I get old” ist jetzt 67. Nur ein Buch für Fans? Oh no!

Seine Eltern waren Swing-Musiker. Viele frühe Erinnerungen spielen in Butlin’s Holiday Camps, einer typisch britischen Institution, die einkommensschwachen Familien Sommerferien in Hütten am Meer bietet. Die Big Band, in der sein Vater Saxofon blies, war dort sommers monatelang engagiert. Vom Bühnenrand aus studierte der Junge die Publikumsreaktionen. Ein sicherer Erfolg war der tägliche Sturz seines Vaters, komplett angezogen und Klarinette spielend, vom Sprungturm ins Schwimmbecken. Und wenn er, unter dem Gejohle der Zuschauer, wieder auftauchte (und immer noch spielte), fühlte der Sohn, dass sein fantastischer Papa sich für die dumme Meute demütigen ließ. Als dann später Elvis auftauchte, fand Pete, der sei okay, aber eben kein Sinatra.

Er ist sechs, da geraten die Eltern in eine Ehekrise und meinen, vielleicht wäre es gut für Großmutter Denny, die in letzter Zeit etwas merkwürdig geworden war (Wechseljahre?), wenn der Junge eine Zeit lang bei ihr wohnt. Über ein Jahr lang ist Pete daraufhin in der unentrinnbaren Hölle einer geistig Verwirrten. Ihre Bösartigkeit und Brutalität sind das eine, aber bis heute verfolgen ihn die dunklen, undeutlichen Erinnerungen an fremde Männer, die die Alte an sein Bett führt. Die Wut hat ihn bis heute nicht verlassen.

Von 2003 bis 2008 musste sich Pete Townshend regelmäßig als registrierter “sex-offender” bei der Polizei melden. Auch wie das geschehen konnte, schildert er in seiner Autobiografie, glaubwürdig und nachvollziehbar wie der Rest des Buches: Eine persönlich durchgeführte Recherche im Internet, mit dem Ziel, den skandalösen Bezahlservice von Banken auf Päderasten-Seiten anzuprangern, wurde vom FBI beobachtet. Unter dem Druck der öffentlichen Empörung, die dem Rockstar alles zutraute, und nach fast fünfmonatiger Untersuchung seiner Computer, die kein einziges strafbares Foto hervorbrachte, sah er sich nervlich nicht im Stande, einen längeren Prozess durchzustehen, und unterschrieb alles, was ihm Ruhe garantierte.

Ein erstaunlicher Aspekt in dieser schwierigen Geschichte: Townshend, der sich künstlerisch-unbewusst immer wieder mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzte (mit The Who in “A quick one” oder in “Tommy”), behandelte in seinem Solo-Konzept-Album “Psychoderelict” die Situation eines gealterten Rockstars, dem von einer feindlich gesonnenen Kritikerin Kindesmissbrauch unterstellt wird, um ihn öffentlich zu diskreditieren – 10 Jahre, bevor er in realiter auf Seite 1 von Sun und Co. erschien.

Als Prophet ist Pete Townshend offenbar tatsächlich brauchbar. In den Skripten zu seinem nie fertiggestellten Mammut-Opus “Lifehouse” heißt das Internet zwar “the grid”, aber so genau konnte man es in den frühen Siebzigern ja noch nicht wissen. Es geht wirklich um ein globales Computernetz, virtuelle Manipulation und natürlich Musik – die befreit. Und wenn man will, kann man den Gitarrenzertrümmerer Townshend auch als Techno-Urahnen bezeichnen: Er war der erste, der einen Synthesizer als Rhythmusgerät eingesetzt hat.

Seine Lebenserinnerungen mögen durchaus zum Ziel haben, die eigene künstlerische Wichtigkeit herauszuarbeiten, denn er hat ja alles immer ernst gemeint: Gitarren zerschlagen als Bildhauerei im Sinne der “auto destructive art” von Gustav Metzger (seinem deutschen Lehrer auf der Art School), Lieder schreiben im Auftrag gehemmter Jugendlicher (seine Mäzene in Zeiten der Massenkultur), spirituelle Erfahrungen allen zugänglich machen – als Verstärker seiner Generation mit seiner Generation zusammenkommen und sich am Feedback erfreuen.

Aber keine Sorge, es ist auch ein Buch voller Rock’n'Roll-Anekdoten, von Anfang an: Um in Roger Daltrey’s Band mitmachen zu dürfen, spielt Jung-Pete in dessen Schlafzimmer Gitarre vor – während er auf dem Bett sitzt, liegt darunter ein halbstarker Kumpel von Daltrey, um sich vor der Polizei zu verstecken; Pete persönlich beauftragt den Elektrotechniker Jim Marshall mit dem Bau des heute als “Marshall-Turm” bekannten Gitarrenverstärkers; den Ex-Beatle Harrison verwickelt Pete in ein stundenlanges Gespräch über indische Mystik, damit währenddessen Freund Eric Clapton George’s Frau seine Liebe gestehen kann. Zu seiner Band The Who wird eine Hassliebe plausibel, Townshend’s Ehe mit seiner ersten Frau Karen unter den sehr erschwerten Bedingungen Ruhm und Tourleben ist die andere große Beziehungskiste in seinem Leben.

Der Mann ist aktiv wie eh und je, gerade auf Tour mit The Who in den USA. Im Sommer hatten The Who als Abschluss-Act der olympischen Spiele in London ihr größtes Publikum seit Woodstock (wenn man die Live-Übertragung mitrechnet). Sie haben “My Generation” gespielt, und die schlimme Textzeile haben sie einfach weggelassen. Das lässt doch für die Zukunft hoffen.

(2012)

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Muss. Sieht keiner außer mir.

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