Biertrinken mit Peter Sloterdijk

“Lesung und Gespräch” sind angekündigt, Ort: ein Theater am anderen Ende der Stadt. Peter Sloterdijk auf Promo-Tour für sein aktuelles Buch. Da könnte ich ja mit dem Fahrrad hinfahren! Meine Frau signalisiert Zustimmung, und es stimmt auch, dass ich so gut wie nie alleine ausgehe. Ich sollte also kein schlechtes Gewissen haben.

Abends, eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung, entferne ich mich radelnd von unserem Haus, meiner Frau und den drei Kindern. Heute werde ich keins von ihnen ins Bett bringen. Natürlich schafft meine Frau das alleine. Es ist nur normal und richtig, wenn ich mich auch mal solo amüsiere.

Normalerweise lese ich gerade den Kindern zum Einschlafen Harry Potter vor. Für den Mittleren vielleicht zu spannend (der Kleine ist erst anderthalb)? Nicht, wenn ich vorlese! Lustig verstellte Stimmen für die verschiedenen Figuren, Pausen mit Rückfragen, ob auch alles verstanden wurde, und einfach eigene Begeisterung: Ja, beim Vorlesen abends bin ich teilweise beliebter als die Glotze.

Nach noch nicht mal einem Kilometer ist es da, das schlechte Gewissen. Ich sollte umkehren. Sloterdijk kommt ohne mich klar. Und der Eintritt ist auch nicht gerade geschenkt. Wenn die Aktion wenigstens irgendeinen höheren Sinn oder irgendeinen Nutzen hätte … also, wenn ich zum Beispiel irgendwie Geld damit verdienen könnte …

Ich könnte ja etwas darüber schreiben und der Zeitung verkaufen … eigentlich eine super Gelegenheit, mich literarisch zu positionieren … kein simpler Bericht über die Veranstaltung, sondern ein intimes Streitgespräch mit dem Meister im Anschluss, bei einem Glas Kölsch. Dabei müsste ich Sloterdijk nachhaltig entlarven – nicht polemisch, sondern ganz kühl seine Thesen falsifizieren. Und meinen Text nicht der Lokalpresse, sondern dem ZEIT-Feuilleton andrehen.

Wie ich vom Freund eines Freundes weiß, sind solche Handlungsreisenden in Sachen Eigenkunst oft sehr einsam in den fremden Auftrittsstädten und ziemlich froh, den späteren Abend nicht allein verbringen zu müssen. Man muss sie nur ansprechen. Auf diese Weise hätte er seinerzeit Claudio Abbado und Golo Mann kennengelernt und langfristige Beziehungen entwickelt. Ich selbst erkannte einmal Martin Walser in der Innenstadt, und tatsächlich plauderten wir ein wenig.

Leider habe ich kein Aufzeichnungsgerät dabei, noch nicht einmal in Form von Stift und Papier. Aber sicher kann mir Peter – bestimmt wird er mir das Du anbieten – etwas zu schreiben besorgen. Vielleicht sollte ich mich aber doch besser nur auf das Gespräch konzentrieren und dann nachher ein Gedächtnisprotokoll anfertigen – das Niveau wird wohl ziemlich hoch sein, wenn wir zwei loslegen.

Der Weg ist viel länger als ich dachte. Aber schön grün hier. War ich überhaupt jemals mit den Kindern hier? Muss ich mir als Ausflugsziel merken. Doch jetzt lieber in die Pedale treten, Gedanken fokussieren und weiter den Sloterdijk-Artikel planen. Mir dämmert mein Hauptproblem: Ich mag Sloterdijk.

Irgendwann vor zehn Jahren habe ich ihn erstmals in der mittlerweile abgesetzten Sendung “Das Philosophische Quartett” gesehen und gleich gemocht. Nicht, dass ich ihm immer zustimmen müsste. Aber ich halte ihn für ein großes Glück für die intellektuelle Szene – die es vielleicht gar nicht gibt in Deutschland, wo sich kaum mal einer mit einer etwas steileren These aus dem Fenster lehnt, etwas riskiert.

Den sogenannten Intellektuellen hierzulande scheint in erster Linie ihre materielle (und nicht die intellektuelle) Absicherung wichtig zu sein. (Tolle Formulierung, werde ich gleich bei Sloterdijk bringen – vielleicht schon während der Veranstaltung)

Aber wie verkaufe ich der ZEIT meinen Text? Ich kenne da doch überhaupt keinen. Na, cool bleiben und alles schön der Reihe nach. Blick auf die Uhr: Shiiit. Es fängt gerade an, und ich habe erst die Hälfte des Weges geschafft. Egal, wenn er erst mal vorliest, dann verpasse ich nichts: Die Bücher kenne ich ja.

Was hat der Mann für einen Output! Jedes Jahr ein inspirierendes Werk. Wie gesagt, nicht alles wird von mir abgenickt. Aber im Themenfinden ist er gut, im Formulieren sowieso – das geben auch seine Gegner zu, denen er als Schwafler gilt. Vielleicht sollte ich auf diese Linie einschwenken? “Mal im Ernst, Peter: Wenn Sie sich als ‘Zeitdiagnostiker’ bezeichnen, dann ist das doch keine geschützte Berufsbezeichnung, oder?”

Wer zahlt eigentlich die Biere? Journalistisch gesehen wahrscheinlich am besten: jeder für sich, um jeden Anschein eines Anscheins zu vermeiden.

Ich komme 30 Minuten zu spät, die Kasse ist geschlossen. Keine Chance. Einige Minuten bin ich fassungslos. Dann beschließe ich, zurück nach Hause zu fahren.

Zuhause sind noch alle wach. “Och, Papa, es war gerade so schön!”

3 Kommentare

Tja, wirklich schade.

by mtk on 20. Mai 2014 at 8:53. #

Ach, komm.

by Bernolf on 20. Mai 2014 at 21:28. #

hmmm, mund abwischen und weitermahcen ;)

by Fuchsli on 27. Mai 2014 at 13:55. #

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Sieht keiner außer mir.

Kann.