Wie geht’s?

Nur kurz in den Supermarkt, schnell zwei Sachen greifen und wieder raus – doch weil ich nie in diesen Laden gehe und mich nicht auskenne, muss ich mich doch mal orientieren … Milch da vorne … okay … wieso denn Eier beim Gemüse?! Und da sehe ich ein bekanntes Gesicht, wie heißt der noch gleich … ein Freund meines Bruders … ne, ein Freund von Freunden meines Bruders? Irgendwie diese Clique! Ich weiß nur noch, dass er vor Urzeiten mal Hardrocksänger werden wollte und deswegen Gesangsunterricht nahm … er blickt mich an und scheint auch nicht genau zu wissen, wohin er mich sortieren soll.

“Na, wie geht’s?”, grüße ich initiativ.

“Letzte Woche ist Sabine ausgezogen. Einfach so, ohne jede Vorwarnung. Ey, weißt Du, wir sind fast fünf Jahre zusammen, wohnen seit drei Monaten zusammen … und dann: Pahf!”

Oh. Es geht ihm nicht gut, offenbar. Eigentlich wollte ich ihn mit seinen Gesangsambitionen necken, das passt aber gerade gar nicht. Ich habe keine Ahnung, wer Sabine sein könnte, auch wie er heißt will mir nicht einfallen – habe ich es je gewusst?

Er fährt fort, auf die Tiefkühltruhe mit Pizza stierend: “Weißt Du, da denkst Du: DIE ist es. Du spürst es tief hier drin: Das ist die Frau Deines Lebens. Zusammen Urlaub. Die Eltern sind okay. Alles super. Und dann: Pahf!”

Puh. Was könnte ich Passendes sagen? Eigentlich müsste man ihn in den Arm nehmen. Ich räuspere mich.

Doch wieder sagt er etwas: “War jetzt auch nicht wegen ‘nem Anderen. Also, das glaub ich jedenfalls. Die ist einfach … also, einfach … die wohnt jetzt wieder bei ihren Eltern.”

Lange Pause. Wir stehen schweigend im kältesten Gang des ganzen Supermarkts.

Er blickt mich an: “Gestern habe ich die Kündigung bekommen. Also auf der Arbeit. Schluss. Die machen die ganze Abteilung dicht!”

“Was ist denn das für ein Job?”, frage ich.

“Weißt Du, ich hab’ da die Ausbildung gemacht. Zwölf Jahre. Fast nie krank gewesen. Nur damals, als ich den Bänderriss hatte. Toll: Kündigungsfrist, aber hier in der Gegend find ich nie wieder so’nen Job!”, sagt er bitter.

“Was ist’n das für’n Job?”, frage ich.

“Ok, es gab immer mal so Gerüchte, aber denk nicht, dass die einen richtig informiert hätten oder so. Das ist im Grunde genommen ‘ne Riesensauerei. Aber da kannst Du nichts machen. Wir sind sieben Leute, richtig in den Arsch gekniffen.” Er seufzt.

Wieder eine Pause. Ich glaube, ich leite mal die Verabschiedung ein: “Tja …”

Er blickt wieder zur Pizzatruhe: “Morgen werd’ ich operiert.”

“Echt?” Wieso bin ich überrascht?

“Ist ‘ne blöde alte Geschichte. Zwölffingerdarm. Sie haben jetzt zwei Jahre lang ‘rumgesucht, weil ich immer nach dem Essen so’n Kneifen habe, hier drin. Magenspiegelung, Darmspiegelung, alles ohne Ergebnis. Jetzt gucken sie mal rein, weil es oft, wenn sie es nicht genau wissen, der Zwölffingerdarm ist.”

Ich nicke zustimmend, mittlerweile auch ins Eisfach starrend. Wir schweigen. Irgendein Impuls in mir, der diesen Mann aus seinen Sorgen reißen möchte, lässt mich dann sagen:

“Und sonst?”

Kommentieren

Sieht keiner außer mir.

Kann.