Der durstige Mann

Gerste erkenne ich, das ist das Getreide mit den langen Haaren über den Ähren, den Grannen. Jetzt ist sie reif. Das Auge reicht weiter, aber es sind schon riesige Gerstenfelder, durch die ich in Zeitlupe mit dem Fahrrad fahre. Mein Sohn sitzt hinter mir auf dem Gepäckträger, schon länger still und wahrscheinlich wachträumend. Auch ohne ihn würde ich nicht schneller temmeln, denn es ist richtig heiß an diesem Nachmittag. Noch über die kleine Eisenbahnbrücke, dann wird der Lohn ein mindestens 200 Meter weites Herunterrollen sein, dann noch mal 2 Minuten radeln, dann zuhause. Von der Brücke ist es ein nettes Panorama: asphaltierte Wege durch die Felder, auf denen spaziert und gejoggt und geradelt wird. Eigentlich zu viele Menschen, aber die letzten Reste von Landwirtschaft in Stadtnähe haben viele Liebhaber. Gemächliches Tempo überall unter dieser ungehinderten Endjulisonne. Nur da vorne passt etwas nicht ins Bild. Jemand scheint neben seinem Fahrrad stehengeblieben zu sein und in gebückter Haltung den Kopf auf den Sattel zu legen. Die seltsame Szene löst sich nicht auf, wir rollen immer näher. Eine Kreislaufschwäche in praller Sonne? Ich beschließe anzuhalten und Hilfe anzubieten. Als ich nur noch zwei Meter entfernt bin, sehe ich, dass da ein Mann verschnauft. Ich sehe auch eine braune Verfärbung der linken Gesäßhälfte seiner Jeans, die ich erst verstehe, als ich ihn halb umrunde und von vorne sehe, dass er sich auch in die Hose gepinkelt hat. Hallo, alles in Ordnung? dröhne ich fragend, wie ein Polizist es tun würde. Er hebt den Kopf und sieht mich an, ohne Zweifel ist er total betrunken. Ich spreche nun mit meiner eigenen schüchternen Stimme: Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Er fixiert mich. Mir wird bewusst, dass ich selber sehr unter der Hitze leide, womöglich nur kurz davon entfernt, dass mir schwarz vor Augen wird. Ich muss doch den Jungen nach Hause bringen. Ich hab doch gar keine Ahnung, was zu tun ist. Ich … ich … Er sagt aggressiv: Haben Sie ein Problem? Ich fühle mich geohrfeigt und sage irgendetwas, das mir jetzt nicht mehr einfällt, und fahre davon. Hinter mir höre ich die Stimme meines Sohnes: Warum haben wir angehalten?

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Sieht keiner außer mir.

Kann.