Die Bäckerfaust

Das erste Mal begegnete ich ihm auf dem ersten Klassenfest meines ältesten Sohnes. Auf dem Schulhof wurde gegrillt, die Kinder rannten aufgedreht herum, die Eltern, die sich untereinander noch kaum kannten, waren übereifrig mit Serviettenfalten und stirnrunzelnder Himmelsdeutung beschäftigt, vielleicht würde es ja noch regnen.

Die bezaubernde Klassenlehrerin, erfahren mit Erstklässlereltern, charmierte von Grüppchen zu Grüppchen. Mal herzlich, mal pfiffig-ironisch beschwor sie den guten Geist “Wir-kriegen-das-alles-schon-hin” für diese Veranstaltung, aber irgendwie auch für die gesamte kommende Grundschulzeit.

Die Atmosphäre wachsender Zuversicht über der kleinen Fete wurde durchzogen von einer arktischen Brise, als sich die Mama eines Kumpels meines Sohnes und ihr neuer Lebensgefährte verspätet dazugesellten. Es war 15.00 Uhr, und er war stark betrunken.

Überall verhärteten sich Muskeln und wurde aus dem Augenwinkel beobachtet. Die sublime Anspannung der Eltern, die noch gerade innerlich mehr damit beschäftigt waren, dass ihr fantastisches Kind qua Schulpflicht ab sofort und unwiderruflich in das System eingespeist worden war, hatte plötzlich ein wesentlich konkreteres Objekt gefunden.

Väter pumpten sich auf, verschworen sich untereinander per Blickkontakt. Einer ging entschieden in die Richtung des Betrunkenen, der leicht schielend vor dem Salatbuffet stand, um dringend Zugang zum Kartoffelsalat zu fordern und drohend “Darf ich mal?” zu fragen. Der Angesprochene gab willig den Weg frei.

Ich spürte die potenzielle Eskalation und produzierte mich, in dem ich einen heiteren Schwatz mit der Mama des Kumpels meines Sohnes und dem Betrunkenen anfing. Er wollte mir die Hand schütteln, okay, und mir sofort erklären: “Ich bin Bäcker. Jetzt ist mein Feierabend. Dann darf ich doch wohl mal ein Bier trinken, oder?” Natürlich, wo sind wir denn.

Im weiteren Verlauf starrte er mir immer wieder in die Augen und sagte mir, dass ich voll in Ordnung sei. Meinen Namen konnte er sich keine zwei Sekunden merken, egal. Ich war stolz auf mich selbst und plante nun, den Bäcker in andere Gesprächszirkel zu integrieren. Das wäre die logische Fortführung meines Friedenswerks.

Leider misslang dieses Vorhaben, zu klar wurde mir bedeutet, dass ich mich mit meinem “neuen Freund” weiter alleine amüsieren könnte, ich wäre ja so “voll-ll … hicks … in O-Ordnung!” Der Bäcker bekam dann Lust, mit den Kindern Fußball zu spielen, und ließ die nichtbetrunkene Elternschaft allein mit sich.

Als wäre jetzt eine Bedrohung verschwunden und als würde man sich nun erst wieder auf Geselligkeit besinnen, bildete sich zögerlich ein größerer Gesprächskreis. Das Zentrum bildete der Opa eines Mädchens, deren Eltern nicht gekommen waren. Er erhob die Stimme, alle ansprechend: Das, was er jetzt mit dem Fernsehen erlebt hätte, das wäre ja wohl das Allerletzte.

Die fröhliche Empörung über das Fernsehprogramm – ein Thema, bei dem alle mitreden könnten -, entpuppte sich schnell als seine Erregung über einen Nebenaspekt einer fürchterlichen Geschichte, die wenige Wochen zuvor durch die Medien gegangen war: In dem Dorf, in dem er lebte, hatte ein Mann seine Tochter jahrzehntelang eingesperrt und missbraucht, aus diesem brutalen Inzest gingen Kinder hervor, geboren und aufgewachsen und eingesperrt.

Alle Zuhörenden versteinerten deprimiert.

Doch der eigentliche Punkt, den der Erzähler machen wollte, war der respektlose Umgang der Medienleute, die im Dorf umherschwirrten und Geld böten: Wie war es, mit der Bestie benachbart zu sein? Nie was bemerkt? Wirklich nicht? So würden sie ankommen, diese widerlichen Journalisten!

Das Klassenfest war endgültig ruiniert, ratlos zerstreuten sich die Erwachsenen. Darauf konnte man gar nichts mehr sagen. Die eigenen Kinder wurden eingesammelt, 30 Minuten vor dem geplanten Ende waren alle Tische und Bänke schon wieder ins Gebäude getragen worden.

Dem betrunkenen Bäcker war es völlig unverhofft gelungen, NICHT zum definierenden Element der Feier zu werden.

Ich sollte ihn erst auf der Weihnachtsfeier der Schule wieder sehen, diesmal eine Riesensache mit allen Klassen. Er war stark betrunken und grüßte mich förmlich, als ob er mich noch nie zuvor gesehen hätte. Ich empfand eine narzisstische Kränkung, schließlich hatte ich doch noch ein paar Mal an ihn gedacht, und überhaupt, war ich nicht voll in Ordnung gewesen? Ich wunderte mich über mich selbst.

Der nächste kurze Kontakt war am Telefon, er rief bei uns an und fragte irgendetwas, was der Kumpel meines Sohnes in der Schule nicht richtig mitbekommen hatte. Der Bäcker lebte also mit dem Jungen und dessen Mama zusammen und kümmerte sich wie ein Vater. Es ging darum, ob am Freitag nun schulfrei sei oder nicht? Nein, leider nicht, wusste ich zu antworten. Ich registrierte, dass er mich gesiezt hatte.

Dann kam der Tag, an dem ich ihn zum letzten Mal sah, bis jetzt. Es war abends, ich holte meinen Sohn ab, der bei seinem Kumpel zu Hause gespielt hatte. Die Mama, eine gebürtige Spanierin, machte mir auf und fragte, ob ich ein Stück Kuchen wollte. Wir setzten uns an den Esstisch und sprachen über die Schule. Etwas später kam der Bäcker herein, mich steif begrüßend wie einen komplett Fremden. Mich beschlich das blöde Gefühl, dass ich vielleicht etwas zu selbstherrlich mit seiner Lebensgefährtin geplaudert hatte. Ob er jetzt auf dumme, eifersüchtige Gedanken kommen würde? Immerhin war er stark betrunken.

Einer Intuition folgend beschloss ich, ihm einen Witz zu erzählen. Schon damals, auf dem Klassenfest, hatte ich ihn doch durch meine offene Freundlichkeit dazu gebracht, mich einen feinen Kerl zu finden. Also: Was ist der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Perserteppich? Er sah mich betrunken an, ich ließ die Kunstpause einen Tick länger ausfallen als sonst, um dann mit der Pointe zu triumphieren: Der Perserteppich kann morgens liegenbleiben!

Die Mama des Kumpels meines Sohnes lachte hell auf und ging ins Kinderzimmer, um meinen Sohn jetzt aber mal zum Jacke- und Schuhe-Anziehen zu motivieren. Die Jungs wollten weiterspielen. Der Bäcker verzog keine Miene. Er sah mich von unten her an und schien zu überlegen. Deutlich sah ich, wie sich seine offene rechte Hand zur Faust schloss. “So, dann lass uns mal gehen!” rief ich ins Kinderzimmer, und ging aus dem Wohnzimmer, nachdem ich dem Bäcker freundlich zugenickt hatte.

Im Flur stellte er mich: “Ich kann auch einen Witz: Was ist ein Türke auf einem Kettenkarussell?” Ich ahnte Schlimmes, es traf ein: “Ne Dreckschleuder!” Ich ließ Luft aus meinen Backen ab und stöhnte: “Boaaah, komm, ne … vielleicht lassen wir das mit Witze erzählen!” Ich bereute, nicht schon früher so weise gewesen zu sein, und trieb meinen Sohn gestenreich zum Gehen an.

Die Mama schaltete sich wütend ein: “Das war nicht lustig! Warum erzählst Du sowas Rassistisches?” Ihr Lebensgefährte zeigte auf mich und rief: “ER hat doch angefangen mit rassistisch!”

Mir wurde kurzzeitig schwindelig. “Was?!?” Innerlich spulte ich zurück, jedes meiner in den letzten zwei Minuten gesagten Worte abtastend auf potenziellen Rassismus. Ich fand nur “Perserteppich”. Ist das hier wirklich die Realität, fragte ich mich? Und: Ist dieser betrunkene Bäcker stärker als ich?

Leicht lallend erklärte er seiner Lebensgefährtin, nicht mir: “ER war doch rassistisch, gegen Bäcker!” Ich konnte es nicht fassen. Ich entgegnete, verzweifelt und mit erhobenen Händen: “Ich, also … das ist … das war doch nur … also, ich finde Bäcker in Wirklichkeit sehr gut!”

Ja, diesen Schwachsinn hatte ich wirklich gerade gesagt. Es war also doch nicht die Realität.

Intuitiv hatte ich den richtigen Ton getroffen. Seine düstere Hammelvisage klarte auf, und er pflichtete mir bei, mit erhobenem Zeigefinger: “Wir Bäcker sind nämlich gar nicht … hicks … die Dreckschweine!” Ich war unsicher, wie ich gucken sollte. Wohin lief der Hase denn jetzt? Er fuhr fort: “Das sind nämlich die Metzger und die Köche! DIE können Dreck reintun! Wir KÖNNEN ja gar keinen Dreck reintun!”

Ich brauchte einen Moment, um zu sortieren. Verwechselte er mich mit jemandem? Gab es eine Debatte in der Öffentlichkeit, von der ich nichts mitbekommen hatte, wer die größten Dreckschweine in den lebensmittelverarbeitenden Branchen waren? Oder verlangte er Mitleid, weil er als Bäcker Dreck nicht in dem Maße reintun konnte wie er wollte?

Jetzt kombinierte ich schnell: “Genau, das geht ja gar nicht, weil dann der Teig gar nicht aufgeht … stimmt’s?”

Er strahlte mich an: “Genau!”

Auch seine Lebensgefährtin freute sich: “Ja, genau so ist es!”

Dieser Moment der heiteren Eintracht währte ein paar Sekunden, und wir Erwachsenen nickten uns alle gegenseitig zu. Mir wurde bewusst, wie sehr ich an die frische Luft wollte. Ich nahm meinen Sohn bei der Hand, nickte einfach immer weiter, und wir verließen die Wohnung.

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Sieht keiner außer mir.

Kann.