Der Lenz ist da

“Eine Birke ist für mich kein Baum!”, meinte mein Onkel: “Sie ist hässlich und bewirft uns das ganze Jahr mit Dreck.”

Ich hatte ihn lange nicht gesehen, meine Kinder hatten ihn noch nie bewusst gesehen. Jetzt hatte er sich kurzfristig angemeldet, um den erst ein paar Monate alten Jüngsten zu begutachten.

So kurzfristig, dass, aus großer Entfernung betrachtet, für einen fiktiven Beobachter – eventuell – der Eindruck entstehen hätte können, die immense Freude über den spontanen hohen Besuch wäre übertroffen worden von hektischer Sorge um den Zustand des Haushalts. Die Bude sah nämlich so aus, dass ich froh war, dass es noch nicht einmal einen fiktiven Beobachter gab. Es gab aber unseren 6jährigen Sohn, und seine Beobachtung unserer plötzlichen Aufräumarbeiten ließ ihn zu dem Schluss kommen, es sei besser, draußen vor der Tür auf den unbekannten Onkel zu warten.

Den 8jährigen Sohn musste ich noch schnell mit dem Fahrrad zu seinem Termin bringen, das konnte ich in 20 Minuten schaffen. Vielleicht wäre dann schon der Onkel da.

Auf meinem Rückweg sprach mich ein junger Mann an: versuchter Vollbart, wogender Gang, Kopf unter einer Baumwollkapuze, schätzungsweise arabischer Background, so der Typ, der im Musikvideo in die Kamera rappt.

“Ey, ‘tschuldigung: Kannst Du mir sagen, wo man hier telefonieren kann?” Ich hielt an, musste überlegen. Mir fiel weit und breit keine Telefonzelle ein – gibt es die überhaupt noch? Handy nicht dabei … und hier war ja nur reines Wohngebiet, um die nächste Ecke die neuen Doppelhäuser, wo wir neuerdings wohnen … ach, na klar: “Wenn Du willst, kannst Du bei mir zuhause telefonieren, ich wohne direkt da vorne.” Das fand er sehr nett von mir, er sagte, so nett sei noch nie ein Deutscher zu ihm gewesen, was mir sehr unangenehm war. Er war wirklich sehr herzlich und überlegte sogleich, womit er mir im Gegenzug etwas Gutes tun könnte. Ich war gerührt und winkte ab, telefonieren, das sei doch keine große Sache …

Als wir auf unsere Mini-Neubausiedlung zuschritten, ich mein Rad schiebend, wurde er langsamer: “Wohnst Du … wohnen Sie hier?!” Mir wurde klar, dass er die zwei Jahre alten Häuser für gesellschaftlich top, die Bewohner vermutlich für ganz feine Leute hielt. Hmpf. Damit traf er bei mir genau den Nerv, der von Anfang an das Projekt Hauskauf mit großen Zweifeln begleitet hatte: Du wirst ein Spießer werden, denn Du häufst Besitz an – Du wirst den Kontakt zu normalen Leuten verlieren, denn Du wirst von der Heim- und Garten-Blase absorbiert werden – Du wirst Dich nicht weiterentwickeln, denn jetzt hängst Du für immer im Hamsterrad eines Riesenkredits …

Vielleicht etwas zu eindringlich laberte ich los: “Hey! Ich weiß, das hört sich toll an: ‘Wir haben ein Haus gekauft’ – aber in WIRKLICHKEIT haben wir jetzt Schulden bis wir 80 sind, ganz im Ernst!” Ich glaube, er wusste nicht, was ich damit sagen wollte (was wollte ich sagen?), aber dass ich offenbar aus meinem Herzen gesprochen hatte, merkte er, und auch er wurde intimer, kam einen Schritt näher und senkte die Stimme: “Ey, ganz im Ernst: Eine Hand wäscht die andere. Wenn Du mal irgendwas brauchst … wenn Du …” Ihm kam eine Idee: “Brauchst Du Speed?”

Irre. “Nein, nein!! Also: Danke – aber ich brauche echt kein Speed!”, wehrte ich ab. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass ich jetzt womöglich zuviel von ihm wusste. Konnte das hier gefährlich werden? Oder war ich jetzt in seinen Augen mit ihm befreundet? “Telefonieren, das ist doch keine große Sache …” sagte ich noch einmal, diesmal nicht gönnerhaft, sondern fast flehend. Wir waren angekommen.

Ich schloss auf, wir gingen in die Küche. Ich holte das Telefon, er wählte. Ein arabisches Telefonat, ziemlich laut. Dann noch einmal ganz herzlicher Dank von ihm, und er ging seiner Wege. Vor der Tür stand mit großen Augen mein Sohn: “War das der Onkel?”

2 Kommentare

Hihi. Hatte ich schon ganz vergessen, dass Ende. Sehr schön ;-)

by Valentin on 25. März 2014 at 22:29. #

Cassel! Toll!

Erkenne einiges wieder … am wenigsten die sanitären Anlagen … hihi

by Bernolf on 25. März 2014 at 23:15. #

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Sieht keiner außer mir.

Kann.