Silberfischchen

Das Parkett hatte ich selber verlegt, was toll von mir gewesen war. Zwar hatte mein Freund geraten: “Lass das doch lieber von Profis machen. Ich kenn’ das nämlich: Fußleisten und Fugen macht man dann nie fertig”, aber wo kommen wir denn da hin. Ist auch einfach zu teuer.

Fast drei Jahre später lag ich abends auf dem Boden im Flur zwischen zwei Kinderzimmern und las vor, als aus der 1 cm breiten Fuge zum Raum meines 7jährigen Sohnes ein Silberfischchen herauslief. Die Fuge mache ich noch zu, da kommt Spritzkork rein, habe ich sogar schon gekauft. Kurze Unterbrechung im Vorlesefluss, Maß genommen und mit dem Daumen das Insekt zerdrückt. Gerade als ich wieder Luft holte für Harry Potter, richtete sich der Junge im Bett auf: “Was hast Du da gemacht, Papa?”

“Da war ein Silberfischchen, das habe ich …” Ich geriet ins Stocken.

“Hast Du das ermordet?”, zitterte seine Stimme vorwurfsvoll.

Ich musste jetzt verdammt gute Gründe vorbringen, um schnell den Glauben an das Gute im Papa zu restaurieren. Blitzschnell schaltete ich auf Weltmann, der die Gefahren der Natur kennt, und dröhnte: “Heyheyhey: Das war Ungeziefer! Sowas sollte man echt nicht im Haus haben … die … übertragen Krankheiten!”

“Echt?”

“Also, das kann auf jeden Fall sein, also, theoretisch …”

Jetzt versteckte er sich unter der Decke und wimmerte, dass er keine Krankheiten wolle von denen. Ich hatte viel zu lange vorgelesen.

Später sah ich im Internet nach. Großer Schwachsinn, völlig harmlose Tierchen.

Zu Weihnachten bekam mein ältester Sohn ein bebildertes Tierlexikon. Auf derselben Seite sind eine Languste und ein Silberfisch gleich groß abgebildet. Die Ähnlichkeiten sind unübersehbar.

Einen Monat später war ich vormittags allein mit dem Jüngsten, 15 Monate. Ich brasselte oben auf der Anrichte, er saß unten auf dem Parkett und spielte mit ein paar Plastiktellern und -bechern. Nachdem ich wahrgenommen hatte, dass er ganz leise geworden war, sah ich, was er da machte: In dem hochrandigen Plastikteller in seinen Händen lief ein Silberfischchen immer im Kreis. Das Tierchen konnte nicht entkommen, der Rand war zu steil.

Ich bremste meinen ersten Impuls und erinnerte mich an die heftige Reaktion meines, damals sicherlich übermüdeten, mittleren Sohnes. Auch kam mir das Bilderbuch mit den fantastisch feinen Zeichnungen in den Sinn: In den Sommerferien hatten wir am Meer gekeschert, jede winzige Garnele und jeden Sandfloh bestaunt und gepriesen. Und sind Insekten etwa weniger faszinierend? Was für ein erbärmliches Vorbild hatte ich doch abgegeben. Aber verzweifeln bringt nichts. Lernen!

Aus diesen Gedanken kommend, fiel mein Blick wieder auf meinen jüngsten Sohn dort auf dem Parkett.

Auf dem Teller war kein Silberfischchen mehr. Die zusammengedrückten Daumen und Zeigefinger bewegte er wieder vom Mund weg und sah mich an, kauend.

9 Kommentare

Kann man sich nicht ausdenken . )

by Valentin on 21. März 2014 at 18:58. Antworten #

Du kommst auch drin vor …

by Bernolf on 21. März 2014 at 19:02. Antworten #

Wir essen doch auch Krabben.

by mtk on 25. März 2014 at 12:15. Antworten #

… in vivo?!

by Bernolf on 25. März 2014 at 13:53. Antworten #

Nein, das machen wir nur mit den Silberfischen :-)

by mtk on 25. März 2014 at 15:38. Antworten #

“Reden ist Schweigen, Silber ist Fisch.”

by Bernolf on 25. März 2014 at 16:01. Antworten #

Ich Unhold habe vor kurzem ein Radieschen bei lebendigem Leibe gegessen.

by mtk on 25. März 2014 at 16:48. Antworten #

Grausam … aber es geht noch schlimmer: Manche Leute haben Radieschen im Garten vergraben!

by Bernolf on 25. März 2014 at 17:58. Antworten #

Sehr schön erzählt :) Auch bei uns sind die Fischchen im Haushalt zahlreich vertreten. Nur gegessen haben wir sie bisher (noch) nicht :)

by Silberfischchen Falle on 7. November 2017 at 23:43. Antworten #

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Muss.

Muss. Sieht keiner außer mir.

Kann.