Nekrolog auf einen Karateka

Der Vater eines Kindergartenkameraden meines ältesten Sohnes ist gestorben, sicher noch nicht 50. Die Kindergartenzeit ist schon ein paar Jahre vorbei, weder er und ich noch unsere Söhne hatten jemals viel miteinander zu tun, aber es gab eine besondere, surreale Begegnung, für die ich ihm sehr dankbar bin. Es war der letzte Tag vor den Sommerferien.

Wir beide lungerten zum Kinderabholen vor dem Gebäude in der Sonne herum, unterhielten uns etwas, und irgendwie ließ ich meine halbherzige Absicht durchblicken, ein fitterer Mensch zu werden.

Umgehend verwandelte er, ein Afghane, sich in einen Missionar für die gute Sache Karate: Da hätten die Japaner echt mal etwas Gutes erfunden! Japaner würden immer arbeiten, hätten keine Zeit, noch nicht mal für Kindererziehung – dafür gäb es aber Karate, das hochkonzentriert wie eine Instantsuppe dem Menschen, vor allem dem jungen, die Zutaten liefert, die er wirklich braucht: Selbstdiziplin, Körpergefühl, Sicherheit, Entspannung.

Ich war sofort überzeugt.

Karate könne man mit den Kindern zusammen trainieren, denn, wie im echten Leben, ist jeder mit sich allein. Seit er es praktiziere, wäre er ein ausgeglichener Mensch. Ich fragte nach Trainingsorten und -zeiten. Die Beseeltheit, die ihn ergriffen hatte, konnte nur einer guten Quelle entspringen. Je mehr er erzählte, umso begeisterter wurde ich. Ich spürte eine Vibration auf mich übergehen, auch einen neuen Blick auf alles – wahrscheinlich weil mich bereits das Sprechen über diese erstaunliche Kombinationskunst von Geist und Körper aufgerichtet hatte.

Dann kam der seltsame, surreale Teil: In einer Gesprächspause, in der ich mich bereits barfuß im Karateanzug kraftvolle Lufttritte vollziehen sah, blickte er durch die große Glasfront des Kindergartens, durch die man in die Halle blicken kann. Wo blieben denn bloß die Kinder? Weil die Sonne so hell reflektierte, musste er ganz nah herangehen und die Augen schützen. Er lächelte mich an und winkte mich herbei.

Durch die Scheibe sah ich alle Kindergartenkinder im Kreis auf dem Boden sitzen. Mäßig interessiert waren sie Zuschauer der besonderen Vorführung einer Kindergärtnerin: Die kleine erwachsene Person, die mir immer ziemlich dick vorgekommen war, wirbelte wie ein Kreisel in der Mitte des Raumes um die eigene Achse. Barfuß und im Karateanzug schlug, schrie und trat sie um sich, immer haarscharf die zentrale Betonsäule verfehlend. Mir blieb der Mund offen. Ich blickte ihn schafsgesichtig an, wollte ihn so etwas fragen wie, ob er davon gewusst hatte, dass heute hier Karate, also, so ein Zufall …

Er sah mich an, lächelte, nickte.

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Sieht keiner außer mir.

Kann.