Sympathy for the Devils

Mir ist erst lange nach seinem Tod klar geworden, wie arm mein Vater an seinem Lebensende war. Da wir nicht zusammen lebten, hatte ich sehr wenig Zeit mit ihm verbracht. Zwei Wochen nach meinem neunten Geburtstag, an Weihnachten, starb er mit 41.

Durch meine großen Brüder war ich musikalisch aus dem Takt mit meiner Generation gebracht worden. Ich hörte Beatles und viel New Wave. Die Beatles waren genau so alt wie mein Vater. Ich interessierte mich immer mehr für ihre Geschichte, für Musik aus den Sechzigern überhaupt.

Die Bücherei hatte eine Zeitschrift für Rockmusik abonniert, dort erfuhr ich von den Rolling Stones. Sie hatten eingesehen, dass die Beatles bis auf Weiteres unschlagbar in Sachen Kreativität und Liebenswürdigkeit bleiben würden, während ihnen selbst jedoch das weite Feld der Penetranz und Unbehaglichkeit offen stand wie eine Hose.

Das Spiel mit dem bösen Image rächte sich an den Stones – so in etwa faselte der Rockjournalist, dessen Artikel ich im stillen Lesesaal las –, als ein Konzertbesucher getötet wurde, während sie in Altamont ihren Song „Sympathy for the Devil“ spielten. Gruselig, aber zum Glück war ich ja Beatles-Fan.

Neben dem Friedhof, auf dem mein Vater beerdigt war, stand das Prälat-Schleich-Haus. Die meisten sagten „Penner-Wohnheim“ dazu. Jeder Gang zum Grab führte an Sitzbänken vorbei, auf denen Trinker, den Hausrat in zwei Plastiktüten, ihrem Tagewerk nachgingen.

Auch meinen Vater hatte ich in Zuständen in Erinnerung, in denen er sich wahrscheinlich selbst ungern beobachtet gewusst hätte: krank, schwach, fiebrig, mit halbseitiger Gesichtslähmung. Mir war also immer klar, dass es nicht gilt, einen Menschen nach dem Augenschein zu beurteilen, denn eigentlich war mein Vater ein Schriftsteller, ein Politiker und ein Abenteurer.

Manchmal kam ich mit Bettlern ins Gespräch und hörte wirklich zu. Einer, mit einem Schnurrbart wie mein Vater, rezitierte das komplette Lied von der Glocke und ließ eine altphilologische Ausbildung aufblitzen, wie mein Vater. Wir teilten uns eine Bierdose.

Ein anderer erzählte mir in so farbigen Details von seiner Zeit in Alaska, das ja eigentlich Alajeska heißt, zumindest bei den dort wohnenden Indianern, wo Geld nichts wert ist und Patronen die eigentliche Währung sind, wo der Bär, der ihn am Lagerfeuer überrascht hatte und mit einem Schuss aus der Drehung ins Auge erlegt werden musste, dummerweise auf ihn drauf fiel, sodass er drei Tage brauchte, um unter dem massiven Kadaver hervorzukriechen, … dass ich heute noch alles weiß.

Eines Tages im Winter durchquerte ich den Untergrundbahnhof. In allen Ecken und Winkeln hatten sich Obdachlose eingemummelt, unbeachtet von schnell passierenden Weihnachtseinkäufern. Ein Langhaariger hockte mit einer Westerngitarre auf dem Boden, eine Decke über den Schultern, und groovte sich mit drei Akkorden ein, bis klar wurde, dass er „Sympathy for the Devil“ spielte.

Ein unsichtbarer Funke sprang über. Eigentlich war es keine Gemeinschaft, es war ja nur die Suche nach Wärme und Überdachung, die sie hierhin getrieben hatte. Sie stritten viel untereinander, jeder sich selbst am nächsten, manche auch klinisch verrückt.

Während ich den unterirdischen Platz überquerte, begannen sie zu singen. Wie eine zu der Gitarre zugeschaltete Dolby-Surround-Anlage schwoll von allen Seiten aus rauen Kehlen der unmännlich hohe und hypnotische Chorus des Songs an: „Woo-woo … woo-woo“ …

Bis heute kann ich manchmal in Zeitlupe durch den Wolfsgesang dieser akustischen Skulptur schreiten. Und eine Gänsehaut bekommen.